Schüler*innen sammeln erste Erfahrungen als Unternehmer*innen im Impact Hub Ruhr

Ende September hieß es im Impact Hub Ruhr für rund 20 Schüler*innen des Essener Berufskollegs West und des Maria-Wächtler-Gymnasiums: Unternehmer*in sein statt Schulbank drücken! Eine Projektwoche lud die Schüler*innen dazu ein, innovative Ideen und Konzepte für neue Anwendungen von Virtual Reality im Schulalltag und bei der Vermeidung von Müll zu entwickeln. Ziel der Initiative ist es, Schüler*innen praktische Fähigkeiten und Kompetenzen zu vermitteln und sie schon früh mit Unternehmen zu vernetzen.

Das klassische Lernen steht derzeit weitgehend auf dem Prüfstand – in Zeiten des Web 2.0, in denen Informationen überall und jederzeit abrufbar sind, wird immer unwichtiger, reines Faktenwissen auswendig zu lernen. Stattdessen müssen Schüler*innen zunehmend soziale und digitale Kompetenzen erlangen, die es ihnen erlauben, in Ausbildung, Job und Studium lösungsorientiert zu arbeiten und konzeptionell zu denken. Der Unterricht in Schulen sollte deshalb die Schüler*innen befähigen, zunehmend komplexe Herausforderungen zu meistern. Dazu benötigt es kreative Herangehensweisen: Das ungewöhnliche Verbinden von bereits Vorhandenem, das Ausprobieren von neuen, bisher nicht beschrittenen Wegen, eigenverantwortliche Teamarbeit, das Verstehen und Lösen komplexer Herausforderungen.

Im klassischen Schulsystem gibt es darüber hinaus nur wenige strukturelle Angebote, Schüler*innen beim Übergang von der Schule in den Beruf zu begleiten. Die Jugendlichen lernen Unternehmen und potenzielle Berufe meist erst durch Eigeninitiative, beispielsweise auf Messen, kennen. Das Thema Unternehmensgründung oder die eigenen Ideen in Geschäftsmodelle zu überführen, Wirtschaft zu hinterfragen und zu verstehen und generell das “selber machen” kommt in den Schulen ebenfalls zu kurz.

Die Idee entstand auf dem NextLevelRuhr Hackathon

Das Projekt Unternehmerwoche für Schüler*innen setzt genau an diesen Punkten und Herausforderungen an. Die Initiative starteten Marius Hanke, Gründer von Wortarbeit Hanke, David Frühauf, Kommunikationsleiter bei We Are GmbH und Benedikt Brester, Gründer und Geschäftsführer des Impact Hub Ruhr gemeinsam. Mit ihrer Idee erreichten sie den dritten Preis beim NextLevelRuhr Hackathon der RAG-Stiftung im November 2017. Daraufhin schärfte das Team das Konzept, konnte die beiden Essener Schulen gewinnen und überzeugte Sponsoren, das Pilot-Projekt finanziell zu unterstützen.

Während der Woche sollten die Schüler*innen der 10. und 11. Klassen in gemischten Teams in kürzester Zeit Lösungsansätze – von der Idee bis zur Konzeptpräsentation – für eine von zwei zur Auswahl stehenden Herausforderungen erarbeiten. Gesucht waren neue Anwendungsmöglichkeiten für Virtual Reality im Schulalltag zur Verbesserung des Lernens oder Formate und Möglichkeiten, per Virtual Reality die Vermeidung von Müll zu unterstützen und somit nachhaltiger zu leben.

Zu Beginn der Projektwoche konnten die Schüler*innen die Virtual Reality Soft- und Hardware des Unternehmens We Are GmbH aus Bochum intensiv testen und dabei Fragen und Ideen entwickeln, die danach in den Teams gesammelt und diskutiert wurden. Ein Team entschied sich dazu, an der Verbesserung des Schulalltags zu arbeiten, während die drei anderen Teams sich der Müll-Herausforderung stellten. Strukturiert erarbeiteten die Schüler*innen unter Anleitung der Initiatoren eine beeindruckende Fülle an Ideen. Am zweiten Tag standen die Schüler*innen dann vor der Aufgabe, fokussiert weitere Ideen zu entwerfen, mit Hilfe der Trainer eine Bewertung vorzunehmen und so Einfälle zu verwerfen. Übungen angelehnt an das Konzept des Design Thinking und andere Kreativmethoden rundeten den Tag ab.

Zur Mitte der Woche lernten die Schüler*innen in Zielgruppen zu denken und sich mit Marketingmethoden und Geschäftsmodellen auseinanderzusetzen. Nach dieser Einheit waren alle Teams optimal darauf vorbereitet, ihren ersten eigenen Prototypen zu bauen – aus Pappe, Knetmasse, Legosteinen, Pfeifenreinigern, Klebeband und vielem mehr. Am vorletzten Tag der Woche galt es dann Feedback für die eigene Idee zu einzuholen, auszuhalten und im Anschluss umzusetzen. Die Schüler*innen überarbeiteten ihre Ideen nochmals, bevor es am Nachmittag in ein Pitch-Training und Präsentations-Coaching ging. Besonders spannend: Alle Teams wählten ganz unterschiedliche und individuelle Präsentationsformen.

Virtual Reality und Nachhaltigkeit sind Schwerpunkte in der Unternehmerwoche für Schüler*innen

Am Freitagmorgen ging die Projektwoche dann in den Endspurt. Die Teams übten ihre Pitches noch einmal in der Generalprobe und erhielten finales Feedback von den Initiatoren, bevor es schließlich ernst wurde. In jeweils 7 Minuten stellten sich die Teams mit ihren Ideen und Konzepten einer Jury aus Vertretern der Friedrich Naumann Stiftung, der We Are GmbH und der Digitalisierungsinitiative Pacemaker. Team “Unicorn” stellte ein VR-basiertes Punktesystem mit Belohnungsmodell für gutes Verhalten an der Schule vor – und dazu eine komplette Menüsteuerung einer VR-Anwendung für die Schule, inklusive Navigation und Hausaufgabenhilfe. Team “1. FC Loch im Schuh” zeigte erste Skizzen eines VR-Aufbauspiels wie SimCity, bei dem der Spieler als Bürgermeister Müll vermeiden muss und Auswirkungen seiner (politischen) Entscheidungen direkt sieht und spürt. Das dritte Team “LLAS” präsentierte im selbstgedrehten Video als Rollenspiel die Szene eines Bewerbungsgespräches, in dem der Bewerber per VR-Brille und neuartiger Steuerung per Handschuh nicht durch Noten sondern durch Reparatur eines virtuellen Motors glänzen kann. Das vierte Team “#Kaiser” stellte per Flipchart-Präsentation sein neues VR-Lernkonzept für den Schulunterricht vor, mit einer erweiterbaren Lernumgebung sowie einer smarten Idee, die Hardware dazu in der Schule flexibel einzusetzen.

Die Jury ist begeistert von den Ergebnissen

Der Jury fiel die Entscheidung sehr schwer, da alle Präsentationen “von höherer Qualität waren als von so manch vermeintlichem Profi”, sagte Jan-Frederik Kremer von der Friedrich Naumann Stiftung. Auf einen Sieger konnten sich die drei Juroren nach langer Diskussion aber dennoch einigen: Team LLAS konnte knapp den Sieg für sich entscheiden. Ausschlaggebend für die Jury war am Ende der innovative Anwendungsfall eines Bewerbungsgesprächs und die kreative Form der Präsentation als Rollenspiel mit Videodreh. Das Siegerteam – gemischt aus Schüler*innen des Berufskollegs und des Gymnasiums – bekam im Anschluss eine neue Oculus Go VR-Brille als Gewinn überreicht.

Benedikt Brester vom Impact Hub Ruhr ist überzeugt: “Wenn man die Schüler und Schülerinnen nur lässt, dann entwickeln sie als Team komplexe Lösungen für Anwendungsfälle, an die ältere Entwickler möglicherweise gar nicht denken.” Sehr gutes Feedback kam auch von Seiten der Stiftung sowie von We Are GmbH, die die Ideen für neue Anwendungsfälle für sich nutzen können und ihr Unternehmen im Rahmen der Projektwoche mit 20 motivierten Schüler*innen vernetzen konnten. Die bei der Präsentation anwesenden Lehrer der Schulen baten um schnellstmögliche Neuauflage. Georg Greshake, Schulleiter am Berufskolleg West sagte: “Ich habe die Schüler nie zuvor so motiviert und überzeugend erlebt. Eine tolle Erfahrung für uns alle.” Das Schönste war aber natürlich das positive Feedback der Schüler*innen: Aussagen wie „Kann man mit nichts vergleichen, was man jemals in der Schule gemacht hat“, “Das war richtig gut”, “Wir hatten viele Möglichkeiten”, “Hat schon richtig Bock gemacht” zeugen von einem gelungenen Pilot-Projekt.

Weitere Unternehmerwochen sollen folgen

Finanziell unterstützt wurde das Pilot-Projekt von dem Verein Schulen und Wirtschaft Essen, der Wirtschaftsförderung Essen, der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und der We Are GmbH aus Bochum.

Die Initiatoren möchten aufgrund der Nachfrage der Schulen weitere Unternehmerwochen im Ruhrgebiet umsetzen. Das Angebot richtet sich an Unternehmen, die sich durch dieses ungewöhnliche Recruiting-Format bei der Zielgruppe der Schüler*innen bekannt machen und konkrete Herausforderungen bearbeiten möchten.

Für weitere Informationen steht Benedikt Brester gerne zur Verfügung.

 

Photo credit: Carsten Deckert

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